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Das Arbeitsleben als Spiel

Von Seraina Mohr am 31. Mai 2012 in Ihr Job

Soziale Medien verändern das Arbeitsleben und die Jobsuche. Die Recruiter twittern und posten auf der Jagd nach Talenten und setzen auf den Spieltrieb.

Die Marriott-Gruppe testet Interessierte mit einem Game auf Stressresistenz.

Die Marriott-Gruppe testet Interessierte mit einem Game auf Stressresistenz.

Viel wurde vor Einträgen auf Facebook gemahnt, die die berufliche Karriere sabotieren können. Ein falscher Kommentar, ein peinliches Foto, eine abschätzige Bemerkung über den Arbeitgeber – nichts bleibt unbemerkt. Lehrstellensuchende müssen sich die Frage stellen, ob zu viele Freunde ein Grund sind, eine Stelle nicht zu bekommen, und zahlreiche Studienabgänger fragen sich derzeit, ob peinliche Fotos auf sozialen Netzwerken im Bewerbungsprozess zur Falle werden.

Ganz unberechtigt sind die Bedenken nicht. So zeigte eine Studie von ZDnet, dass der durchschnittliche britische Facebook-User auf 76 Prozent der geposteten Fotos betrunken ist. Auf der anderen Seite gehört das Googeln von Stellenbewerbenden heute bei vielen Personalverantwortlichen zum Tagesgeschäft. Allerdings kann auch totale Abstinenz schaden, denn wer gar keine Spuren hinterlässt, droht in Vergessenheit zu geraten. Und wer gar nicht auf den sozialen Medien aktiv ist, der verpasst vielleicht die interessantesten Stellenausschreibungen. 

Unternehmen rekrutieren direkt in sozialen Netzwerken

Unternehmen haben nämlich realisiert, dass sie künftige Mitarbeitende dort erreichen müssen, wo die sich so aufhalten, und da sind die sozialen Medien wie Facebook und Twitter zum wichtigen Begegnungsort geworden. Neue Jobs werden auf Xing publiziert oder getwiittert, Videos zum Arbeitsumfeld auf Youtube veröffentlicht, und zahlreiche Unternehmen wie etwa die Migros und PwC stehen über eine eigene Facebook-Page interessierten Bewerbern Red und Antwort. Sie geben sich alle Mühe, sich als innovative und attraktive Arbeitgeber zu präsentieren und damit genau solche Mitarbeitende anzuziehen. Dafür wird insbesondere in den USA wieder vermehrt auf sogenannte Recruiting Games gesetzt. Der Hauptgewinn in diesem Spiel sind die besten Mitarbeitenden. 

Games werden zum Gradmesser für die Eignung 

Da gilt es etwa bei Unilever eine Glacé-Fabrik zu führen, in Happy Hour als Bartender den Gästen die Wünsche vom Gesicht abzulesen oder für den britischen Geheimdienst Codes zu knacken. Rekrutierungsspiele sind eine Mischung von Online-Test, Assessment-Center mit jobspezifischen Aufgaben und der Prüfung von kognitiven Fähigkeiten und Problemlösungskompetenz. Ziel ist immer, Bewerbungen von besonderes geeigneten Personen zu erhalten und ungeeignete Kandidatinnen und Kandidaten schon vor einem ersten persönlichen Gespräch zu erkennen. 

Keine Kinderspiele

Gamification wird dieser Trend genannt, der von der Gartner Group als Konzept definiert wird, Game-Mechanismen  für nicht-spielerische Aktivitäten wie Rekrutierung oder Trainings zu nutzen. Die Experten von Gartner gehen davon aus, dass bis ins Jahr 2014 70 Prozent der Top 2000 Organisationen und Unternehmen Games in irgendeiner Form einsetzen werden, sei es für interne Trainings oder auch für die Rekrutierung. SAP testet seine Mitarbeitenden in Sachen Nachhaltigkeit. Die Marriott Gruppe sucht mit ihrem Game auf Facebook weltweit neue Mitarbeitende, die dem Stress des Hotelalltags gewachsen sind. Hier gibt es keine fiktiven Postkorb-Übungen, sondern es gilt, ein Hotel zu führen mit allen Überraschungen und Widrigkeiten, die einem da so blühen. In der Küche muss entschieden werden, wie viel Fisch zu bestellen ist, ein Businessplan muss erstellt und ein Gast beschwichtigt werden. Anspruchsvolle Aufgaben, die da gelöst werden müssen. Wer im Spiel die Nerven behält und Intrigen standhält, dem wird auch im Arbeitsleben etwas zugetraut.

Rekrutierungsspiele, die gab es schon vor mehr als 10 Jahren. Damals waren die Games etwa von ABB und Siemens vor allem darauf angelegt, technikaffine Mitarbeitende zu finden, die ihre Fähigkeiten auf diesem Weg unter Beweis stellen konnten. Nun erleben die Games ein Revival. Grund dafür ist die Generation von Berufseinsteigern, die mit Games gross geworden ist und deshalb für den spielerischen Zugang sehr offen ist. Die Lufthansa etwa bietet ein Spiel für Berufseinsteiger an, das sie bei der Berufswahl unterstützen soll. 

Angesprochen wird der Spieltrieb in allen Varianten, doch dahinter stecken harte wissenschaftliche Erkenntnisse und auch Standardtests, die in der Rekrutierung eingesetzt werden. 10 Minuten Spiel kombiniert mit den Daten zur Ausbildung können gute Aussagen über die künftige Leistung eines Kandiaten oder einer Kandidatin machen, wie Spielentwickler Guy Halfteck dem «Economist» erklärt. Er ist gerade dabei, mit Studenten aus Yale entsprechende Korrelationen genauer zu testen. 

Bewerbungsverfahren, das Spass macht

Noch einen Schritt weiter gehen die Alternate Reality Games, wie sie etwa das Beratungsunternehmen Roland Berger durchgeführt hat. Das sind Spiele, die verschiedenste Medien nutzen und bei denen die Grenzen zwischen fiktiven und realen Erlebnissen bewusst verwischt werden. Dort drehte sich alles um den Polarforscher Nils von Habermann, der unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen ist, ein Fall, der nun von den potentiellen Mitarbeitenden gelöst werden soll.

Ein tolles Erlebnis, wie die Teilnehmenden fanden. Lediglich der abschliessende Apéro und das Networking seien danach fast etwas zu gewöhnlich ausgefallen – so wurde in einem Bericht in der «Zeit» leise Kritik laut. Der Arbeitsalltag dürfte im Vergleich dazu dann ein ziemlich ödes Game sein. Aber dann hat zumindest das Bewerbungsverfahren Spass gemacht. Und bei vorzeitigem Scheitern tröstet dann der Ausspruch: Es war ja nur ein Spiel. 

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