Das kreative Genie, dem der Himmel seine Eingebung schickt, ist etwas ausser Mode geraten. Die schöne Muse und ihr Kuss sowieso. Etwas entzaubert sind sie schon, die wunderbaren Einfälle, weltbewegenden Einsichten und milliardenschweren Erfindungen. Im Fall der Muse muss man sagen: Zum Glück. In vielen anderen Fällen hat man ausserdem gesehen, dass in einer grossen Idee, im konkurrenzlosen Können eine ganze Menge harter Arbeit steckt.
Aber es bleibt ein Rest des Rätsels – oder der Frage, was die Kreativität beflügelt. Vielleicht auch: Warum es Menschen gibt, die ständig kreative Ideen entwickeln und andere eher weniger.
«Das Magazin» spürte kürzlich kreativen Köpfen fragte, wie sie’s denn gemacht haben (John Lehrer: «Seien Sie naiv!», in «Das Magazin» vom 28. 4.). Eine Gemeinsamkeit, die sich ergab: Kreative Köpfe bereichern sich im Austausch mit völlig anderen Wissengebieten und deren Spezialisten. Steve Jobs wird zitiert: «Kreativität besteht einfach nur darin, Dinge zu verknüpfen», Archimedes’ Badewanne ist ja berühmt, und Post-it-Zettel wurden an einem Konzert ausgedacht.
Jetzt haben Wissenschafter herausgefunden, dass Kreativität und Einstellung zusammenhängen. «Wussten Sie, dass Sie tatsächlich kreativer sind, wenn Sie von sich denken, dass Sie kreativ sind?», fragen sie in der «Harvard Business Review». Ihre Daten bestätigen, dass Unternehmer und Manager, die von sich sagen, sie seien kreativ, auch immer wieder mit neuen Lösungen hervortreten, neue Firmen, Produkten, Dienstleistungen.
Ihre Daten zeigen umgekehrt auch: Wenn Sie von sich denken, Sie seien nicht kreativ, sind Sie es «wahrscheinlich nicht». Die «gute Nachricht» aber liege darin, dass sich das ändern lässt. Wie das? Auch die Wissenschafter betonen die befruchtende Wirkung von «assoziativem Denken», der Gewohnheit, provokative Fragen zu stellen, guter Beobachtung und der Begegnung mit Leuten, die die Welt aus entgegengesetzter Perspektive betrachten.
Mögliche Folgerungen bei der Gelegenheit könnten aufregend sein. Her etwa mit den Think Tanks, den Austauschprogrammen, den erst einmal weniger aufs konkrete Resultat zielenden als vielmehr der Neugierde, sogar der Verspieltheit verpflichteten Sitzungen. Was auch immer mit Kreativität genau gemeint ist: Für berufstätige Multitasker ist nur schon gute Alltagsorganisation ein Geschenk des Himmels. Wann findet also das nächste romantische Date ohne (Familien-)Agenda? Effizient mus man ja nicht gleich, aber möglicherweise wendet sich ein kleiner Luxus der Ziellosigkeit in grosse Erkenntnisse.

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