Rachida Dati Frankreich Politik

Rachida und die Minderheiten

Von Nathalie Sassine-Hauptmann am 15. Dezember 2011 in Artikel

In einem offenen Brief an den französischen Premier beschuldigt Ex-Justizministerin Rachida Dati diesen des Sexismus, Rassismus und Elitismus. Was ist passiert?

Rachida Dati: Persona non grata im französischen Ministerium.

Rachida Dati: Persona non grata im französischen Ministerium. | Paris Match

Einst als Sarkozys Vorzeige-Immigrantin gefeiert, der Beweis für die Diversität des Landes, machte Rachida Dati in den letzten zwei Jahren eher mit negativen Schlagzeilen wie «Ein Baby und kein Vater», «Rachida Dati und die vier Tage Babypause» und mit dem Ausrutscher «Fellation statt Inflation» von sich reden. 2009 von ihrem einstigen Mentor und Chef ins europäische Parlament abgeschoben, beruhigte sich die Gerüchteküche, aber auch der politische Rummel um die gebürtige Nordafrikanerin.

Nun ist sie zurück. Und mit ihr der Rummel. Dati verfasste nämlich einen offenen Briefan den französischen Premierminister François Fillon, der mit ihr um das Bürgermeisteramt in Paris buhlt.

Sie klagt an

In ihrem Brief, der diese Woche in der Zeitung Le Monde publiziert wurde, beschuldigt Dati den Premierminister des Sexismus, Elitismus, der Arroganz und der Verhinderung von ethnischen Minderheiten in der Politik. Das sind happige Vorwürfe. Und sie zeigen wie erst es Dati mit der Rückkehr in die Politik ist. Das reiche 7. Pariser Arrondissement gilt sicherer Sitz für Sarkozys Konservative und Dati hatte schon vor Monaten gewarnt, sie werde es Fillon nicht kampflos überlassen. Doch diese Form von Wahlkampf war etwas zuviel für die französische Classe politique: Kollege Bernard Debré antwortete ihr ebenfalls in einem offenenbrief und bezeichnete sie als  „arrogante, verwöhnte Zicke“ . 

Man kann Dati arrogant nennen, doch verwöhnt? Immerhin hat die  Muslimin aus ärmlichen Verhältnissen  eine beeindruckende Karriere im immer konservativeren und fremdenfeindlicher werdenden  Frankreich hingelegt. Als zweitältestes von elf Kindern wuchs die Tochter eines Marokkaners und einer Algerierin in einer Sozialbausiedlung im Burgund auf. In die katholische Schule ging sie zusammen mit der jungen, französischen Bourgeoisie der Gegend und während sie sich auf ihr Baccalauréat vorbereitete, arbeitete sie nachts als Hilfskrankenschwester und Putzfrau. Dass sie stolz auf ihre Herkunft und auf ihren Werdegang ist, erstaunt deshalb nicht. Dass sie als erste Persönlichkeit mit Migrationshintergrund einen Ministerposten innehatte, war nur die logische Konsequenz ihrer harten Arbeit. «Die Linke hat davon geträumt, die Rechte hat es getan»,  war bei ihrem Antritt als Justizministerin 2007 das gern genannte Paradox.

Ein Paradox das bei genauerem Hinschauen sich in Luft aufgelöst hat. Mittlerweilen wird nämlich Sarkozy vorgeworfen, seine ehemaligen «Vorzeige-Immigrantinnen», zu denen auch die schwarze Ex-Sportministerin Rama Yade gehört, wegrazionalisiert zu haben, als sie unbequem wurden. Yade war für ihr grosses Mundwerk bekannt und vor allem bei Frauen sehr populär. Sie wartete jedoch nicht, bis sie – wie Rachida Dati – irgendwohin abgeschoben wurde, sie verliess die Partei letztes Jahr von sich aus.

Minoritäten-Bonus

Die Linke jedenfalls ist auf den  Minoritäten-Zug aufgesprungen und hat so viele Kandidaten nicht-französischer Herkunft wie noch nie zuvor. Die Anhänger des sozialistischen Kandidaten François Hollande werfen Sarkozy vor, seine kurzlebige Regenbogenregierung sei nichts als ein verlogenes Diversity-Schaufenster gewesen.

Die schwelende Debatte wird Rachida Dati kaum ernsthaft auf die französische Politbühne zurückhieven. Doch immerhin kann sie für sich in Anspruch nehmen die Diskussion entfacht zu haben. Im Wahljahr 2012 dürfte es sowohl für die Rechts als auch für die Linke schwierig sein, die Gender- und Minderheitsfrage zu ignorieren.

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