Meetings Smartphone Knigge

Wann das Handy ausgepiepst hat

Von Seraina Mohr am 07. Dezember 2011 in Artikel - 2 Kommentare

Die Zeiten sind längst vorbei, als einem permanente Erreichbarkeit zum wichtigen Menschen machte – nur leider haben es noch nicht alle begriffen. Mobile-Knigge helfen nach, im Berufs- und Privatleben.

Till Schweiger - das Handy bot offenbar die bessere Show als Thomas Gottschalk

Till Schweiger - das Handy bot offenbar die bessere Show als Thomas Gottschalk

Drastische Massnahmen gegen die nervenden Handy-Nutzer bei einer Hütte am Tegernsee

Drastische Massnahmen gegen die nervenden Handy-Nutzer bei einer Hütte am Tegernsee | Flickr

Klare Ansage an die unkonzentrierten Dauertelefonierer bei Subway

Klare Ansage an die unkonzentrierten Dauertelefonierer bei Subway

Ein Treffen mit Freundinnen, der Wein ist bestellt, das Essen wird serviert, doch bevor man sich gegenseitig einen Guten Appetit wünscht, muss die eine erst ein Bild vom  Mahl twittern, damit auch ihre Netzfreunde wissen, was sie grad tut. Dass sie in diesem Restaurant sitzt wissen sie natürlich schon lange, hat sie doch eben auf «Foursquare» eingecheckt und so ihren Standort bekannt gegeben. 

Einchecken, Foto twittern, Status update und dann geniessen? 
Ob das alles da draussen überhaupt jemanden interessiert? Wohl kaum, aber für die Selbstdarstellung macht es einen guten Eindruck, wenn man sich auch mal mit realen Freunden an realen Orten trifft.Die Frage ist nur – wie lange noch? Denn immer mehr Menschen nerven sich über das mobile Ding, das so manches Treffen zur Farce werden lässt. Das fängt an mit dem SMS fünf Minuten vor dem verabredeten Termin, in dem eine Verspätung von einer Viertelstunde angekündigt wird, geht weiter mit dem Vibrieren während des Essens, dem automatischen Griff zum Mobile zwischendurch.

Besonders übel: All jene, die zwischen den Gängen kurz ihre Mails checken und so jedes vernünftige Gespräch im Keim ersticken. Kaum ein Mensch kann so wichtig sein oder sich so wichtig nehmen, dass er nicht mal zwei, drei Stunden offline sein darf. 

Handy-Nutzung sorgt für Zoff am Arbeitsplatz
Denn die Dinner-Szene ist ja nur die private  Fortsetzung von Fehlverhalten, das tagsüber an den Arbeitsplätzen kultiviert wird. Natürlich wird niemand bezweifeln, dass Smartphones eine tolle Erfindung sind – das Problem sind nur die Nutzer, die das Gerät nicht im Griff haben. Das Ding, das so häufig für die Schwierigkeit der Trennung von Berufs- und Privatleben verantwortlich gemacht wird, nervt denn auch in beiden Belangen gleichermassen. Von Kindern weiss man mittlerweile, dass sie das Lieblingsspielzeug in den Händen der Eltern hassen. Doch auch unter den Erwachsenen wird das Mobile zum Hauptärgernis und sorgt immer wieder für Zoff am Arbeitsplatz.

Das hat auch eine Studie von Intel ergeben, für die 200 Personalleute befragt wurden. 79 Prozent gaben an, dass Handys für unnötige Störungen am Arbeitsplatz sorgen, 42 Prozent hatten schon Klagen erhalten über das Klingeln in Sitzungen oder SMS schreibende Kollegen. Interessant dabei: Alle nerven sich über die anderen - aber offensichtlich ohne Schlussfolgerungen für das eigene Tun. 

Auf grundsätzliche Verbote setzen vor allem Schulen. An immer mehr Weiterbildungsinstitutionen - darunter auch Kaderschmieden wie das IMD in Lausanne - sind Handys während des Unterrichts nicht erlaubt. Öfter wird an den gesunden Menschenverstand appelliert und der klassische Knigge wird ergänzt. Auf dem Netz gibt es mittlerweile einige Websites, die sich mit der Mobile Etiquette beschäftigen.

Das ist auch notwendig, denn gemäss Prognosen wird die mobile Nutzung in den nächsten Jahren noch einmal stark ansteigen. Das Problem dürfte sich also noch verschärfen, da es kaum mehr handyfreie Zonen geben wird und künftig nicht nur soziale Netzwerke auf diesem Weg gepflegt, sondern zunehmend auch Einkäufe getätigt werden. Die Vorstellungen, dass im Team-Meeting dann gleich noch fürs Abendesssen eingekauft wird oder während dem Date eine Runde Poker für den nötigen Thrill sorgen soll, die sind nicht gerade erhebend. Da lohnt es sich, rechtzeitig Gegenstrategien zu entwickeln. 

  • Meetings: Es ist eine Frage des Respekts und der Effizienz, dass man in Meetings einander zuhört und nicht wegen Anrufen kommt und geht. Ausser in den Pausen haben Handys hier nichts zu suchen. 
    Gegenstrategie: Ansprechen und eine allgemeingültige Regelung treffen. All jene, die nämlich effizient eine Sitzung hinter sich bringen wollen, sind durch die Unterbrüche doppelt gestraft. Wer einen wichtigen Anruf erwartet, soll das vorankünden und auf Vibration umstellen. 
  • Die Lautstärke: Jeder hat eines, aber leider hat noch lange nicht jeder begriffen, dass die Verbindungsqualität wenig mit der Lautstärke der eigenen Stimme zu tun hat. Doch scheint es: Je wichtiger, desto lauter. Das ist vielfach in der ersten Klasse der SBB zu beobachten, wenn am Telefon Projekte besprochen oder Passwörter mitgeteilt werden und während 30 Minuten Fahrt auch der hinterste und letzte Mitfahrende begriffen hat, was für ein verkanntes Management-Genie da sitzt. 
    Gegenstrategie: Selbst Anrufe in akzeptabler Lautstärke tätigen, die Lautredner werden sich lautstark beim Gesprächspartner über die fehlende Ruhe beklagen und entnervt aufhängen. Vielfach erprobt. 
  • Alles zu seiner Zeit: Natürlich sind all ihrer Freunde am Ausgang ihrer Dates interessiert. Die Spannung wächst allerdings, wenn sie sich ein wenig gedulden müssen. Die Live-Berichterstattung von der Dating-Front ist absolut unnötig. Deshalb lieber das Handy auf die Seite legen, dem Gegenüber tief in die Augen schauen und es vielleicht mit einem Gespräch versuchen. 
    Gegenstrategie: Im Privaten wird auch auf drastische Massnahmen unter Freundinnen nicht verzichtet. Die eine Kollegin wird nur noch an Frauenabend zugelassen, wenn das Telefon stumm in der Tasche bleibt. Die Gespräche wurden seither wieder viel interessanter. 
  • Statussymbol: Weder an Sitzungen noch an Dates gehört das Handy gut sichtbar auf den Tisch. Es bekommt damit einen Status, das es als Arbeitsinstrument nicht verdient. 
    Gegenstrategie: Fehlverhalten ahnden, und zwar mit Zwangssozialisierung. Wer an Sitzungen unnötig zum Handy greift zahlt im Anschluss eine Runde. 

Übrigens tun sich auch bekannte Zeitgenossen schwer mit dem mobilen Umgang: Till Schweiger wurde öffentlich gerüffelt, weil er bei der Abschlusssendung von Thomas Gottschalk vom Sofa aus SMS schrieb - was nachvollziehbar, aber unanständig ist. Kürzlich hat es gar Abt Werlen vom Kloster Einsiedeln erwischt - einen der beliebtesten Twitterer der Schweiz. Er wurde im Gottesdienst gestört. Offen bleibt, ob er eine Mahnung zur Mässigung von ganz oben erhalten hat. 

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Kommentare

Claudia am 07. Januar 2012 um 18:58 Uhr:

Wahrlich ein übel - und jede/r beginne bei sich zuerst.
ABER: Toleranz ist das absolut falsche Mittel - Ansprechen und nötigenfalls Lächerlichmachen bringt uns irgendwann wieder in angenehme Umgangsformen & Umgebungslautstärke.
Etwa in den SBB (im Business-Wagen ist’s am ausgeprägtesten!): einfach mal reagieren - z.B. mit einem “Ach, tatsächlich?” oder “Das wusste ich ja noch gar nicht!” Es wirkt - selbst über mehrere Abteile hinweg… wink

Oliver Ceco am 29. Dezember 2011 um 23:27 Uhr:

Wer immer erreichbar sein muss, hat nichts erreicht!

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Kommentare

Wahrlich ein übel - und jede/r beginne bei sich zuerst.
ABER: Toleranz ist das absolut falsche Mittel - Ansprechen und nötigenfalls Lächerlichmachen bringt uns irgendwann wieder in angenehme Umgangsformen & Umgebungslautstärke.
Etwa in den SBB (im Business-Wagen ist’s am ausgeprägtesten!): einfach mal reagieren - z.B. mit einem “Ach, tatsächlich?” oder “Das wusste ich ja noch gar nicht!” Es wirkt - selbst über mehrere Abteile hinweg… wink

Claudia vor 4 Monaten

Wer immer erreichbar sein muss, hat nichts erreicht!

Oliver Ceco vor 5 Monaten

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