Auf Deutsch heisst das Werk «Die Mutter des Erfolgs», und der Zürcher Verlag Nagel und Kimche konnte damit einen Volltreffer landen – soviel ist jetzt schon klar, auch wenn das Buch erst seit gestern in unseren Buchhandlungen ist. Auf «Amazon» zählt der Erziehungs-Bericht der chinesisch-stämmigen Amerikanerin Amy Chua bereits zu den Top-Bestellungen.
Dabei müsste man ihn ja gar nicht mehr kaufen: «Battle Hymn of the Tiger Mother» (so der Originaltitel) wurde bereits im Vorfeld von jedem nennenswerten Medium ausführlich besprochen. Da erfuhr man, dass Yale-Professorin Chua für bedingungslose Härte in der Erziehung plädiert: Stundenlanger Drill am Klavier, Abspulen von Dutzenden Mathe-Aufgaben, kein Lob, nur Tadel, keine Games, keine Besuche bei Freundinnen – was Louisa und Sophia, die zwei Töchter von Amy Chua, in ihrer Kindheit durchleben mussten, lässt einen um die Gesundheit der beiden sorgen (und an der Gesundheit der Mutter zweifeln).
Doch Chuas Bekenntnis gibt heftig zu denken und zu reden. Denn letztlich stellt die Jura-Professorin eine Frage in den Raum, die uns zuvor schon beschäftigt hat: Wäre diese Härte der Weg zum Erfolg? Sind wir (also: wir im Westen) zu lasch geworden? Völlig ins Grübeln gerieten viele, nachdem Chua ihre Ansichten im «Wall Street Journal» unter dem glasklaren Titel «Why Chinese Mothers Are Superior» veröffentlicht hatte.
Kurz: Die These, dass wir uns und unseren Kindern einen Ruck geben müssen, trifft exakt auf ein Gefühl der Verunsicherung. Denn mit Sorge beobachten wir, wie die asiatischen Staaten, ihre Unternehmen und ihre Bürger in immer mehr Feldern Triumphe hinlegen. Und so bauen wir – unterstützt von Amy Chua – jetzt einen Zusammenhang auf zwischen den wirtschaftlichen Erfolgen der Asiaten, der Stagnation bei uns und den Unterschieden, die es in der Erziehung gibt.
Komisch daran ist nur eines: Dass gerade dieser Zusammenhang nie hinterfragt wird.
Natürlich gab es viel Kritik an den Vorstellungen von Amy Chua – da wurden die westlichen Freiheits- und Selbstverwirklichungsideale eifrig verteidigt –, bloss die Kernfrage stellte keiner: Ob es denn wirklich stimmt, dass erzieherische Härte zu gesamtgesellschaftlichem Erfolg führt. Und warum das so sein soll.
Dabei liessen sich die Ängste, die sich in Chuas Buch kristallisieren, mit ein paar banalen Gegenfragen auf den Boden einer anderen Realität bringen. Zum Beispiel:
♦ Warum nehmen wir nicht die brasilianischen Mütter zum Vorbild?
Eine ganze Reihe von Staaten legten im letzten Jahrzehnt gewaltige Wachstumraten und Entwicklungsschritte hin: China, gewiss; aber auch Indien, Brasilien, die Türkei, Vietnam, Russland, ja sogar Kolumbien bewiesen Fortschritte, die uns in Europa zu denken geben. Die Schwellenländer, die jetzt zunehmend als Konkurrenten wahrgenommen werden, zeichnen sich durch gewaltige kulturelle Unterschiede aus. Natürlich blickt man vor allem auf China: Wegen der schieren Grösse. Doch nicht, weil die Chinesen bei ihrem Aufstieg prinzipiell besser und überzeugender vorgehen als – beispielsweise – die Brasilianer.
♦ Seit wann sind denn die chinesischen Mütter überlegen? Das Pauker-Modell dominierte in China bereits in den Stagnationsjahren unter Mao (es gibt die These, dass es in der Reisbauernkultur wurzelt). Man kann es also auch für den dumpfen Kadaverkommunismus verantwortlich machen. Aber natürlich nur, wenn man ähnlich simpel strickt, wie das in der aktuellen Amy-Chua-Debatte ständig getan wird.
Wer will, darf den internationalen Spiess übrigens noch ein drittes Mal umdrehen: Was ist eigentlich mit dem (erzieherisch sehr verwandten) Japan? Es stagniert bekanntlich seit fast 15 Jahren.
♦ Weshalb hat China noch nie einen Wissenschafts-Nobelpreis gewonnen? Es bliebe zu prüfen, wie stark die Drillideale, die Amy Chua vertritt, hier eine fatale Wirkung haben. Denn Drill fördert eher die Effizienz als die Kreativität.
Deshalb auch:
♦ Nennen Sie eine bahnbrechende chinesische Erfindung (seit dem Schwarzpulver ums Jahr 1000 nach Christus). Oder nennen Sie alternierend einen wichtigen zeitgenössischen chinesischen Kreativen (okay: Lang Lang, Ai Wei Wei, Wong Kar-Wei... Doch wir reden vom grössten Volk der Erde.) Bemerkenswert ist übrigens, dass die Experten in China selber ausgerechnet jetzt zur Einsicht kommen, dass das Land mit seinem Bildungsstil kaum konkurrenzfähig werden kann (mehr dazu z. B. hier).
♦ Was heisst collateral damage auf Mandarin? Oder anders: Warum ist die Selbstmordrate unter Schülern in China so hoch? Oder auch die Suizidrate von asiatisch-stämmigen Schülerinnen in Amerika?
♦ Warum erwähnen die Medien nicht, dass Amy Chua ein Buch des Scheitern geschrieben hat? Die Autorin fühlt sich mittlerweile selbst falsch verstanden, sie fand den Titel im «Wall Street Journal» übertrieben und räumt ein, dass sie das asiatische Roboterideal keineswegs anstrebt. Mehr noch: Sie erzählt eine andere Geschichte, als im Westen debattiert wird.
Denn ihr Buch, schreibt Chua einleitend, «hätte davon handeln sollen, dass chinesische Eltern bessere Pädagogen sind als westliche. Stattdessen erzählt es von einem bitteren Kulturkonflikt, einer kurzen Kostprobe vom Ruhm und von meiner Demütigung durch eine Dreizehnjährige.»
Denn eine ihrer Töchter verweigerte radikal und hasserfüllt den Gehorsam; und sie führte damit die Mutter selber zur Einsicht, dass sie ihr Weg Grenzen hat: Diesen Aspekt, den Chua durchaus betont, könnte man dann ja auch noch ein bisschen diskutieren.
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