Ein schönes deutsches Wort erlebt eine wahre Renaissance: Biederkeit ist plötzlich wieder angesagt – und nicht mehr ein Schimpfwort für die Wertkonservativen und Ewiggestrigen. Vielmehr scheint das Biedere rehabilitiert zu werden. Unlängst noch wurden Eltern mit ihren braven Werten als Spiesser verurteilt. Und Werte wie Ehrlichkeit und Loyalität verschwanden in den Giftschränken der globalisierten Firmen. Jetzt aber, so scheint es, erlebt die Biederkeit eine ganz neue Blüte.
Modisch hat sie schon länger das Zepter übernommen, der Preepy-Look war in den letzten Saisons auf den Laufstegen zu bewundern, der Hausfrauen-Chic der 50er Jahre ist nachgefragte Trendware. Und die Stars von heute kleiden sich wie die Biedermänner von gestern.
Bieder sind immer die anderen
An den Wochenenden lockt das Berggasthaus mit den rotweiss-karierten Tischdecken, den Hirschgeweihen an der Wand und den regionalen Spezialitäten auf der Karte. Bieder? Nein, trendy. Denn die biederen Zeitgenossen, das sind sowieso immer die anderen, und heute sind es ganz konkret die, die auch noch in der Freizeit die Umwelt verschandeln und meinen, ein Wochenendtrip in eine europäische Metropole sei das höchste der urbanisierten Gefühle.
Und während auf dem Land die asiatische Küche den Durchbruch geschafft hat, setzen die Szene-Gastronomen auf Hausmannskost und Gemeinschaftstische gegen die Vereinsamung.
Als Freizeitbeschäftigung sind Wandern oder Schwingen valable Alternativen zum Fitnesscenter. Businessfrauen pflegen stolz ihren Schrebergarten, verschenken selbstgemachte Konfitüre oder brillieren mit Cupcake-Kunstwerken. Stricken ist schon mehrere Saisons wieder im Trend. Und die Vita-Parcours sollen in den nächsten Jahren mit viel Aufwand revitalisiert und aufgepeppt werden.
Bieder = bewährt = besser als auch schon
Das Lob der Biederkeit wird vielerorts gesungen. Im «Spiegel» werden die biederen Mittelklasswagen als die eigentlichen Stars der Branche gelobt, die den Sportwagen und SUVs die vordersten Ränge streitig machen und mit denen erst noch Geld zu verdienen ist.
Das «Manager-Magazin» preist den Oma-Chic, der die Modewelt derzeit beherrscht und betont dabei nachdrücklich, dass das keinesfalls ein Signal für Biederkeit sei, sondern ein Zeichen der Zeit, in der die Emanzipation Realität ist und damit wieder Platz für Emotionen und Gefühle besteht. Auch St. Galler Spitze ist in der Modewelt sehr gefragt und damit vom Stigma des Biederen befreit.
Stilexperte Jeroen von Rooijen spricht in der «NZZ am Sonntag» von einem klaren Hang zur «neokonservativen Konterrevolution». Das Wort bieder meidet er dabei tunlichst, denn nach wie vor ist es sehr negativ besetzt. Zu unrecht, wie ein Blick ins Lexikon zeigt. Dort wird der Begriff auch als Synonym für anständig, ehrlich und moralisch integer erwähnt. Was dagegen?
Altbekanntes befriedigt das Bedürfnis nach Geborgenheit und Sicherheit in einem hektischen Umfeld, wo vieles möglich ist und Konventionen immer weniger zählen. Angesichts von Investmentbankern, die kurzerhand Milliarden versenken, sehnen wir uns nach den alten Bankbeamten, die korrekt gekleidet mit der Aktentasche unter dem Arm nach Hause kamen. Allerdings: Heute benehmen sich Banker wie Popstars – und Popstars sehen aus wie Banker.
Und im trauten Heim kämpfen die Familienmanager um die Oberhand im Arbeits- und Familienleben und zirkeln von einem «Change»-Prozess in den nächsten.
Ist also die Figur der Hausfrau, welche hübsch zurechtgemacht ihren Göttergatten erwartet, den Kindern ein nettes Lächeln und viel Geduld schenkt und anschliessend den selbstgemachten Hackbraten auf den Tisch stellt, wieder angesagt? Man muss es fast befürchten. Die Hausfrauen-Ikone Doris Day hat es immerhin wieder in die Hitparade geschafft (Clack berichtete), und die Serie «Mad Men» wird von Gleichstellungsexperten so diskutiert, als sei sie nicht toll gemachte Fiktion – sondern reales Rollenbild.
Verwirrender Zeitgeist
Diese Missverständnisse haben System, denn zuweilen kann der Zeitgeist zu einiger Verwirrung führen. Speziell bei den junggebliebenen Älteren, die ihre Wohnungen ausgemistet, die Wohnwände entsorgt und endgültig durch modernes zeitloses Design ersetzt haben, um dem Fluch der Biederkeit zu entgehen und nun von den eigenen Kindern gescholten werden, die kostbaren Stücke weggeworfen zu haben. Das ist dann irgendwie bitter-bieder.
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