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Was Mütter denken

Von Nicole Althaus am 13. September 2011 in Artikel

Karriere-Mütter sind zufriedener als Mütter, die bloss ein Zubrot verdienen. Männer schätzen die Leistungen von Müttern höher ein als Frauen.Vorab wenn sie Väter sind. Die neusten Erkenntnisse des «Working Mother Reports» geben zu denken. Nicht nur Müttern.

Generation Spagat: Flexibilität ist gefragt. Nicht nur in den Beinen - auch im Kopf.

Generation Spagat: Flexibilität ist gefragt. Nicht nur in den Beinen - auch im Kopf.

Es war vor genau 25 Jahren, als berufstätige Mütter in Amerika sich erstmals als Gruppe formierten und auch als Gruppe angesprochen wurden: Das Magazin «Working Mother» lancierte 1986 den Benchmark für familienfreundliche Arbeitgeber und listete die 100 Firmen im Land auf, welche explizit Mütter förderten. Das Label wurde zwar nicht ignoriert, aber wirklich ernst nahmen die Unternehmen die Liste erst, als Studien zeigten, dass Frauen in Leitungspositionen nicht nur image- sondern auch bilanzfördernd sind. Das realisierten die Amerikaner früher als die Europäer - zumindest als die Europäer auf dem Festland. Die Rezession der letzten Jahre beschleunigte den Prozess zusätzlich: Mehr Männer als Frauen verloren ihre Jobs. Mehr Frauen als Männer haben in den USA mittlerweile eine höhere Ausbildung.

In diesem Umfeld ist Frauenförderung längst nicht mehr eine Frage des Engagements, sondern eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Und heute, da man auch in den Teppichetagen  Deutschlands,  Spaniens und gar in der Schweiz laut über Frauenquoten nachdenkt, sind die Amerikaner bereits einen Schritt weiter: Sie haben nämlich gemerkt, dass den weiblichen Arbeitnehmern nicht so sehr das Geschlecht im Weg steht, als vielmehr ihre Erziehungsfunktion. Mit anderen Worten: Frauen klettern recht gut nach oben - solange sie nicht schwanger werden. Und neuerdings stolpern die neuen Väter über ganz ähnliche Steine wie moderne Mütter.

Also sponsorten drei grosse Player im Markt (IBM, Procter & Gabmble, Ernst & Young) eine nationale Studie, um herauszufinden, wo Mütter die grössten Hürden lokalisieren, ob sie anders denken als kinderlose Frauen und Männer und was sie mit den Vätern gemein haben. Die Ergebnisse sind ernüchternd und erhellend zugleich:

  • Karriere-Mütter sind am glücklichsten: eine keineswegs überraschende, aber entlastende Erkenntnis aus der Befragung ist die Tatsache, dass Mütter, die ihren Job als Karriere verstehen, glücklicher und zufriedener sind als Mütter, die bloss ein Zubrot verdienen wollen oder müssen. Und zwar egal auf welchem Lohnniveau und in allen Bereichen. Anders als gern behauptet und immer wieder kolportiert, fühlen sich Karrieremütter sowohl am Arbeitsplatz wie auch in der Familie mehr geschätzt und zufriedener, sie fühlen sich gesünder und vom Partner mehr getragen. Ein Resultat, welches ehrgeizige Mütter entlastet, aber erfolgsorientierte Arbeitgeber fordert: Ganz offensichtlich korreliert die Job-Zufriedenheit und damit auch der Einsatz von Müttern mit den Entwicklungschancen, die ihnen ein Job bietet. Gezielte Mütterförderung dürfte künftig wettbewerbsfähiger machen als gezielte Frauenförderung. Die Mehrheit der Frauen werden nämlich irgendwann Mutter. Und von flexiblen Karrieremodellen profitieren auch Väter.
  • Kinderlose beurteilen die Chancengleichheit rosiger: Geahnt hat man das schon lange, nun hat man es schwarz auf weiss: Männer und Frauen sind gleicher als sie denken. Mit anderen Worten: Das Geschlecht beeinflusst Denken und Wahrnehmung weniger, als die Erfahrungen, die man teilt. Das gilt sogar in der Wahrnehmung der Chancengleichheit. Kinderlose Frauen und Männer schätzen den Fortschritt der Chancengleichheit im Berufsleben sehr viel grösser ein als Mütter und Väter. Und kinderlose Frauen und Männer schätzen die Leistung arbeitstätiger Mütter kleiner ein als Mütter und Väter. Sie glauben etwa weniger, dass Frauen mit Kindern bereit sind, einen Zusatzeffort im Büro zu leisten, oder dass sie aufsteigen wollen. Eine Tatsache die wenig überrascht, aber viel bewirkt. Etwa das schlechte Gewissen, wenn das Kind einmal krank ist.
  • Der grösste Feind der Mutter ist die Frau: Kursieren tut das Gerücht, dass Frauen sich gegenseitig ein Bein stellen, schon lange - es scheint leider nicht aus der Luft gegriffen zu sein: Manager sind Müttern freundlicher gesinnt als Managerinnen. Sie schätzen Frauen mit Kindern am leistungswilligsten und karriereorientiertesten ein - im Gegensatz zu Managerinnen. Nicht unbedingt erstaunlich, wenn man bedenkt, dass kinderlose Frauen vielleicht bewusst auf Kinder für die Karriere verzichtet haben.
  • Mütterfreundlich, aber konservativ: Wenn Männer in Spitzenpositionen den Müttern gegenüber so aufgeschlossen sind, fragt man sich da, warum kommen dann nicht mehr Mütter ganz nach oben? Auch darauf hat die Studie eine Antwort: Weil ihre ökonomische Aufgeschlossenheit gepaart ist mit einem gesellschaftlichen Konservatismus: Fast jeder zweite der befragten Manager gab nämlich zu Protokoll, dass arbeitstätige Frauen den Kindern nicht gerecht würden; mehr als die Häfte glaubt, dass ein Elternteil zu Hause bleiben sollte.
  • Flexibilität ist ein Wettbewerbsvorteil: Bedenkt man, dass flexible Arbeitszeiten und Karrieremodelle einst wegen der Haushaltspflichten der Arbeitnehmerinnen eingeführt worden sind, dann hat der Abschied vom starren 8 to 5 Job den Arbeitsplatz ähnlich stark verändert, wie einst die industrielle Revolution. Mittlerweile gilt Flexibilität als einer der wichtigsten Ingredienzen zur Jobzufriedenheit und als wichtiger Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente. Längst nicht mehr nur in der Frauenfraktion: 81 Prozent der Frauen und Männer sagen, dass grosse Flexibilität im Job ihre Produktivität positiv beeinflusse.
  • Neue Lebenssituationen, alte Rollenbilder:  Eine weibliche Karriere - das geht in vielen Haushalten durchaus noch in Ordnung. Solange der Mann mehr verdient als seine Partnerin. In fast dreivierteln aller Haushalte in Amerika arbeiten heute beide - Mann und Frau. Mutter und Vater. Doch nur 42 Prozent der Männer könnten sich damit arrangieren, die Breadwinner-Rolle abzugeben. Die Frauen sind übrigens gar nicht soviel fortschrittlicher: 75 Prozent der Mütter, die am Ende des Monats mehr in die Familienkasse bezahlen als ihre Männer, sind der Meinung, dass die Männer trotzdem einen signifikanten Beitrag leisten sollten. Und durch alle Lebenssituationen hindurch bleibt eine Wahrnehmung ganz stabil: Väter glauben, ihr Engagement zu Hause werde nicht genug geschätzt. Frauen klagen, dass sie den Männern zuhause noch immer alles diktieren müssen.

Es bleibt also noch einiges zu tun für die Generation Spagat. Nicht nur  im Büro - vor allem im Kopf.

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