So richtig sympathisch wirkte die Genfer Sozialdemokratin, als sie 2003 nach dem Abgang von Ruth Dreifuss in den Bundesrat gewählt wurde: Da stand eine Frau, die wirkte. Und die wusste, dass sie wirkte. Ja, die ihre Wirkung genoss und keinen Augenblick daran dachte, daran etwas zu ändern. Sie kultivierte ihre nicht alltägliche Frisur, perfektionierte ihren modernen Style, den sie stets mit einem Schuss Androgynität würzte. Und lachte dazu ihr gurgelndes Weibchenlachen. Ein netter bunter Farbklecks war diese Micheline Calmy-Rey in der trockenen Bundesratsgalerie - zumindest würde sie der Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann so beschreiben.
Die Bundesrätin allerdings wollte viel mehr als bloss ein bisschen farbig sein. Sie wollte leuchten. Sie wollte das Scheinwerferlicht. Sie suchte es und kriegte es.
Nicht nur die Vorschusslorbeeren, sondern auch die Hoffnungen waren gross – war doch die ehemalige Genfer Finanzdirektorin damals die einzige weibliche Vertreterin in der Landesregierung. Und sie stand für Gleichberechtigung und Menschenrechte ein.
Ein starker Beginn
Tatsächlich: 2004, 2005 und 2006 wurde sie in mehreren Umfragen zur beliebtesten Bundesrätin gewählt, teilweise mit grossem Abstand. Wie schon ihre Vorgängerin, so profitierte auch Micheline Calmy-Rey, die einsame Kämpferin, damals von einem Frauenbonus. Noch. Aber mit den Jahren verblasste der Glanz. Je länger sie im Amt war, desto weniger stand die Aussenministerin für Kreativität, Kollegialität und integratives Handeln; und umso mehr machte sie sich einen Namen als unberechenbare Politikerin, die wie eine Primaballerina aus der Reihe zu tanzen pflegt.
Calmy wurde Cruella. Sie war zwar beileibe nicht das einzige Alphatier im Bundesrat, aber das einzige, für das man offenbar einen Übernamen kreiieren musste. Blocher blieb Blocher. Couchepin blieb Couchepin. Calmy-Rey liebte die Macht nicht mehr und nicht weniger als die beiden Herren. Sie beschaffte sich Aufmerksamkeit - manchmal auf exzentrische, vielleicht gar fragwürdige - aber immer auf ihre höchstpersönliche Weise - und nutzte diese, um Einfluss zu gewinnen. Auch scheute sie keinen Kampf: In der Lybien-Krise stritt sie sich öffentlich mit dem damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz - dessen Alleingang in der Angelegenheit gewiss fragwürdig war - um die Vorherrschaft im schwierigen Dossier. Denn wieder wollte die Aussenministerin glänzen und sich mit der Befreiung der beiden Geiseln profilieren. Dafür agierte sie auch mal ein bisschen hintenrum, wie die Geschäftsprüfungskommission kritisierte. Genau wie die beiden Herren Blocher und Couchepin liess sie sich nicht in die Reihe stellen, sondern wählte sich den eigenen Platz. Nichts was einen Menschen in der Schweiz gemeinhin sympathisch macht. Noch viel weniger, wenn dieser Mensch Frau ist.
Und dann das Schicksal aller Politikerinnen
Es passierte, was passieren musste: Man redete hierzulande über Calmys Auftritte und nicht mehr über ihre Arbeit. Über ihren Auftritt mit Kopftuch im Iran, als Rednerin der umkämpften 1.-August-Feier 2007. Das heisst nicht, dass ihre Arbeit nicht kritisiert werden dürfte. Das beweist nur, dass das öffentliche Bild von Frauen noch immer über das Äussere kreiert wird. Ein Schicksal, das die Aussenministerin mit allen einflussreichen und machtbewussten Frauen teilt. Auch Hillary Clinton oder Michele Obama wurden etwa für ihre Auftritte mit oder ohne Kopftuch in Saudiarabien beziehungsweise einer Moschee in Chicago getadelt. Im eigenen Land vorab. Das ist wichtig. Denn es ist stets die Kultur im Heimatland, die den Rezeptionsrahmen für Frauen und Männer abstecken. Und dieser ist in der Schweiz gerade für Frauen eng. Enger als im Ausland. Dort nämlich hinterliess Calmy-Rey auch einen bleibenden Eindruck. Aber der war nicht negativ: Calmy wurde als Playerin wahrgenommen. Sie spielte auf dem internationalen Parkett vielleicht nur eine klitzekleine Rolle, aber sie spielte eine. Nicht umsonst ist sie die einzige Schweizer Politikerin etwa, die in den Wikileaks-Daten überhaupt vorkommt.
Man kann Calmy-Rey für ihre Solotänze kritisieren, ihr politischer Leistungsausweis mag im Rückblick kleiner sein als erhofft, eines aber muss man der Frau lassen: Sie hat auf dem von Männern gebonerten politischen Parkett in Highheels getanzt. Nicht in Halbschuhen. Sie ist vielleicht ab und zu ausgerutscht - aber immer wieder aufgestanden. Sie hat der Bundesratsrolle ihren eigenen Stempel aufgedrückt, sie stand ihre Frau in Bern und wo immer sie hinreiste - so machtbewusst und kampflustig wie gewisse Bundesräte ihren Mann gestanden sind. Diesbezüglich war sie Vorbild. Ein inspirierendes Vorbild, wenn auch nicht immer ein durch und durch sympathisches. Starke Politiker sind nicht immer die grössten Sympathieträger. Diese Regel soll und darf auch für starke Politikerinnen gelten.
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