Gender

Ist das ein Bub oder ein Mädchen?

Von Ralph Pöhner am 27. Mai 2011 in Artikel - 1 Kommentar

Keine Ahnung. Ein Paar in Kanada hat beschlossen, sein Kind völlig geschlechtsneutral aufwachsen zu lassen – und verheimlicht folglich, was es ist.

Sturm um Sturm: Der Mensch Storm (im roten Pullover), umarmt von Bruder Jazz (mit Zöpfchen)

Sturm um Sturm: Der Mensch Storm (im roten Pullover), umarmt von Bruder Jazz (mit Zöpfchen)

Was ist die allererste Frage, die alle Eltern nach der Geburt eines Kindes hören? Ganz klar – es ist die Frage nach dem Geschlecht: Bub oder Mädchen?

«Sagen wir nicht», so die Antwort von Kathy Witterick und David Stocker.

Ihr Kind kam am 1. Januar zur Welt, und bis heute wissen nicht einmal die Grosseltern, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Storm, so der Name des kleinen Blondschopfs, soll ohne die Zwänge der geschlechtlichen Definition aufwachsen. Lediglich die Brüder Jazz und Kio, die Hebamme und zwei gute Freunde erfuhren, was es denn ist.

In der Geburtsanzeige schrieben Stocker und Witterick: «Wir haben beschlossen, Storms Geschlecht derzeit nicht bekanntzugeben – ein Tribut an die Freiheit und an die Wahlmöglichkeit im Gegensatz zur Beschränkung».

Eine kleine Familiengeschichte, eine Privatsache? Ach was. Die Zeitung «Toronto Star» machte Storms Geschichte am vergangenen Samstag bekannt, und danach wurde die Familie überrollt. Der Beitrag wurde zum meist-aufgerufenen in der Geschichte des nordamerikanischen «Star»-Onlineverbunds, in den Web-Foren jagten sich die Kommentare, und bald stürzten sich Medien aus dem ganzen Erdball auf das Genderless Baby – so dass Storms Eltern vorerst untergetaucht sind.

Auffällig dabei, wie klar die Meinungen waren: schwarz und weiss. Hier blanke, teils gehässige Ablehnung («der perfekte Beweis dafür, dass man eine Lizenz zum Kinderkriegen einführen muss»), da begeisterte Zustimmung («wenn es nur mehr solcher Idealisten gäbe!»).

Die Kritiker (und dabei auch viele Kritikerinnen) befanden, man halse dem Kind eine politische Botschaft auf; es werde als Versuchskaninchen missbraucht; es werde lächerlich gemacht; ihm werde die Möglichkeit verweigert, sich zu positionieren; und es sei wohl klar, dass Storm bald marginalisiert werde.

Bei den Befürwortern wurde bald eine klare Linie ersichtbar, die in etwa lautet: Alle Nachteile, die dem Kind drohen, sind jedem anderen Kind auch vorherbestimmt. Selbst bei geschlechtlicher Klarheit sei jedes Kind ein Versuchskaninchen, auch dann werde es immer wieder mal ausgegrenzt und verspottet (das gehört schliesslich zum Kinderleben) – doch die Idee der Eltern gebe ihm zumindest eine Chance, eine eigene Freiheit zu entwickeln.

«Wenn du einem Menschen wirklich kennenlernen willst, dann fragst du nicht, was er zwischen den Beinen hat»: So erklärte David Stocker, der 39-jährige Vater, seine Grundidee. Oder anders: Der Kern des Menschen liegt nicht im Geschlecht, aber mit zahllosen Vorstellungen, die einem Kind wegen des Geschlechts aufgedrängt werden, schütten wir dieses wahre Wesen zu.

So beschloss die Familie kürzlich bei einer Kubareise, Storm ein Geschlecht zu geben. Nach der Landung in Havanna warfen die Eltern am Flughafen eine Münze, und der Zufall ergab, dass Storm während des Kuba-Aufenthalts gegenüber allen als Junge bezeichnet wurde. Was geschah? Die Reaktionen waren entsprechend, das Kind wurde nicht etwa als herzig bezeichnet, sondern es hiess etwa: «Was für ein starker kleiner Kerl.»

Kathy Witterick und David Stocker möchten auch die beiden älteren Buben möglichst geschlechtsneutral aufwachsen lassen. Kio und Jazz können sich zum Beispiel im Kleiderladen selber bedienen und ihre Frisuren selber gestalten, so dass der eine Zöpfchen trägt und der andere gern im rosa Kleidchen herumläuft. 

Inspiriert wurden die Eltern – beides Lehrer – durch den Roman «X. A Fabulous Child's Story» von Lois Gold (hier ein Ausschnitt). Die Geschichte aus dem Jahr 1978 beschrieb genau dieses Muster und zeichnete dabei ein fröhliches Happy End mit einem Kind, das genauso gern strickt wie Fussball kickt.

Und ohnehin versuchten seit den 1970er Jahren zahllose Eltern in zahllosen Experimenten, ihre Kinder jenseits der Geschlechtsstereotypen aufwachsen zu lassen – ohne dramatische Folgen. So dass man heute sagen kann, dass beides funktioniert: Man kann manche Töchter dazu bewegen, mit Lastwagen genauso wie mit Puppenstuben zu spielen. Aber bei vielen klappt es auch nicht – keine Lastwagen, nur Puppenstuben, so what?

Befragt vom «Toronto Star», meinte der Psychiater Kenneth Zucker, ein weltweit renommierter Erforscher der Geschlechtsidentität, zum Fall Storm: Die Frage sei, wie stark der Einfluss der Eltern auf ihre Kinder hier überhaupt sei. 

Tatsächlich wollen die Eltern genau so lange ein Geheimnis ums Geschlecht des Baby machen, wie die Sache für Storm, Kio und Jazz in Ordnung geht. Wetten, dass das nicht allzu lange dauert? Das Geschlecht wird im Kinderalltag ohnehin bald mal bekannt.

Ein Storm im Wasserglas also? Am weisesten war vielleicht der Eintrag jener anonymen Person, die auf dem kanadischen Erziehungsforum «Parentcentral» befand: Dass sich so viele Menschen so sehr über den Fall aufregen – dies beweise, dass wir ein allzu grosses Theater ums Geschlecht machen.

Quod erat demonstrandum…

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