Erinnern Sie sich, wann Deutschland und seine Nachbarstaaten sich wirklich flächendeckend für Frauenfussball zu interessieren begannen? Genau: Als die Frauen mit ihren Bällen spielten. Nicht auf dem Rasen, sondern im «Playboy». Damit machte sogar Frauenfussball Schlagzeilen.
Soll man sich darüber freuen? Ist das ein Zeichen für das neue weibliche Selbstbewusstsein? Oder soll man sich über den «Auffahrunfall zwischen Patriarchat und Emanzipation» (Iris Radisch in der «Zeit») ärgern? Ich weiss es nicht. Und ich wundere mich auch längst nicht mehr über den allfälligen Sexismus, den man dahinter vermuten könnte. Mir sind die schlagenden Argumente nämlich ausgegangen, um Frauen als Opfer darzustellen, die sich, egal, welchen Beruf sie ausüben, öffentlich und bereitwillig ausziehen.
Ich denke, also bin ich?
Aber ich finde eine andere Tatsache äusserst interessant: Frauen werden immer und zu allererst als Frauen wahrgenommen. Dann erst als Sportler, Journalisten, Ärzte, Politiker. Selbst wenn sie in Männerdomänen – also auf den Fussballrasen oder in das Bundeshaus – vorgedrungen sind.
Nehmen wir die neue Chefin der «New York Times»: Jill Abramson. Fürwahr keine Frau, die auf den Kopf oder Mund gefallen ist. Immerhin eilt ihr den Ruf voraus, «mehr Eier zu haben als die gesamte Mannschaft der New York Yankees». Und doch klingen die Interviews mit ihr alle gleich. Weil die erste Frau an der Spitze des Traditionstitels tausendmal die Frage beantworten musste, wie sie sich als erste Frau an der Spitze des Traditionshauses denn fühle und was sie als erste Frau an der Spitze anders machen werde und ob sich jetzt etwas ändere in ihrem Leben als Frau an der Spitze dieses Traditionstitels. Das ist etwa so, wie man neue CEOs jeweils fragen würde, ob sie sich mit dem neuen Job auch neue Unterhosen angeschafft haben: nämlich irrelevant und privat.
Aber es zeigt etwas sehr deutlich auf: Deutschland hat Merkel und tolle Fussballerinnen, die Schweiz hat fünf Frauen im Bundesrat – aber es ist dem weiblichen Geschlecht nicht gelungen, aus der Markiertheit herauszutreten. Dabei hat es immer geheissen: Wenn wir nur das pinke Ghetto verlassen, werde alles besser. Frauen müssten also bloss über Politik schreiben statt über Familienfragen. Sie müssten in die Finanzabteilungen eintreten statt in die Personalabteilungen. Dann werde das Geschlecht sekundär.
Frau hat, also ist sie!
Ich bezweifle das. Nein – ich bestreite das mittlerweilen sogar. Und ich bin damit nicht alleine: Susanna Breslin, eine Bloggerin von «Forbes», einem der grössten amerikanischen Wirtschaftsportale, fragte sich vor kurzem bange: «Ich war lange stolz, für Forbes bloggen zu düfen – mit den Jungs mitzuspielen –, doch jetzt frage ich mich: Lassen die mich nur schreiben, weil ich eine Frau bin? Und wenn nicht: Warum gibt es kein „Forbes Man“ – eine Ecke, in der Männer ihr Berufsleben, ihre Alltagserfahrungen als Mann beschreiben?»
Genau: Weil die Erfahrungen von Männern die Norm sind und die Erfahrungen von Frauen die Abweichung. Und wenn mein Kollege Michael Marti sich auf Clack.ch fragt, warum Frauen in Politblogs nicht mitdiskutieren, dann vielleicht einfach deshalb: Es gibt noch keinen Ort, an dem Frau öffentlich denken kann, ohne dass sie sofort in die pinke Ecke gestellt wird.
Oder anders gesagt: Descartes erster Grundsatz menschlichen Daseins «cogito ergo sum» gilt nur für Jungs. Frauen existieren nicht, weil sie denken können. Zumindest öffentlich existieren sie, weil sie haben: Zwei Titten und einen Arsch. Die Deutschen Fussballerinnen und Pippa Middleton lassen grüssen.
Müssen wir deshalb schleunigst mit Clack aufhören? Oder braucht es gerade deshalb Clack?
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