In Sex-Schauspielerinnen vermutet man gemeinhin nicht unbedingt verborgene literarische Talente, aber womöglich muss man umdenken. Derzeit zeigen einige Vertreterinnen dieser Branche zumindest einen grossen Willen, sich schreibenderweise oder im weiteren Sinne künstlerisch auszudrücken. Das neueste Beispiel: Sex-Schauspielerin Ashley Blue. Die 30-jährige Amerikanerin mit bürgerlichem Namen Oriana Small publizierte vor einigen Wochen ein autobiographisches Werk mit dem Titel «Girlvert», das sich derzeit auch deshalb so gut verkauft, weil die Wirtschaftsplattform «Forbes» ihm und seiner Autorin einen längeren Artikel widmete.
Das Buch soll dem Leser – hoffentlich auch der Leserin – eine Innensicht der Branche ermöglichen und «eine einzigartige Erfahrung» vemitteln. Gleichsam die Pointe dieser Porno-Publikation besteht darin, dass Small eine Spezialauflage über 200 Stück mit einem Schamhaar, einem persönlichen, pro Exemplar (Preis: 200 Dollar) ausliefert; die Spezial-Edition ist bereits ausverkauft.
Sturm in die Bestsellerlisten
Oriana Small stösst in ein neues Segment des internationalen Buchmarktes vor: Bekenntnisliteratur von Sex-Schauspielerinnen. Jenna Jamesons Werk «How to Make Love Like a Porn Star: A Cationary Tale», ebenfalls ein autobiografisches Werk, war während sieben Wochen in der Bestseller der «New York Times», während Sasha Grey, die nicht nur in Erotikfilmen performte, sondern auch für Steven Soderberghs «The Girlfriend Experience», in diesem März den Buchmarkt mit ihrem Fotoband «Neü Sex» beglückte.
Von ihren Kollegen, von Sex-Filmdarstellern, ist übrigens nichts Ähnliches zu vermelden. Die Männer in der Branche scheinen entweder nicht über den gestalterischen Willen oder dasselbe künstlerische Talent zu verfügen.
Ein Schamhaar pro Buch: Neo-Autorin Oriana Small mit Hund und ohne Hund.
Small und ihren Belletristik-Kolleginnen aus der Sexfilm-Industrie ist gemeinsam, dass sie immer wieder meinen, sich gegen spezifische Vorurteile wehren zu müssen. Stellvertretend für diese Position steht die folgende Passage aus einem Interview des «Spiegels» mit der gerade mal 23-jährigen Grey: «Ich möchte zeigen, dass wir nicht alle zugedrogte Missbrauchsopfer sind, die in der Branche gestrandet sind und zum Sex gezwungen werden. Es gibt Frauen wie mich, die den Job gerne und aus Überzeugung tun. Jemand wie der Playboy-Gründer Hugh Hefner, der Millionen damit verdient hat, Sex zu verkaufen, wird glorifiziert – weil er ein Mann ist. Wenn eine Frau ihre Sexualität offen auslebt oder gar Geld damit verdient, muss mit ihr irgendwas nicht in Ordnung sein. Das ist doch lächerlich.»
Zugegeben, dieses Anreden gegen das Opfer-Klischee mag auch Marketing-Masche sein. Es ist aber allen erwähnten Autorinnen gemeinsam, und diese Argumentationslinie bedient sich geschickt des feministisch-emanzipatorischen Vokabulars – nur unter etwas anderen Grundannahmen.
Die neue Rollenverteilung
Ironischerweise stehen auf dem diskursiven Schlachtfeld diesen Pornografie-Emanzen wiederum Frauen gegenüber. Etwa eine Gail Dines, die behauptet, dass die Sex-Industrie uns die eigene Erotik entführt («Pornoland – How Porno has Hijacked our Sexuality», vgl. auch «Pornos: Salonfähige Brutalität»); Dines zählt auch Frauen wie Grey und Small zu den Hijackern. Oder eine Natasha Walter, die in ihrem viel beachteten Buch «Living Dolls – The Return of Sexism» die im Mainstream angekommene Pornografie verantwortlich macht für die angebliche Rückkehr des Sexismus. Walter berichtet in ihrem Buch auch von einer britischen Studie, gemäss der mehr als die Hälfte der befragten Mädchen eine Karriere als Nacktmodel für erstrebenswert hält – womit man bald einmal bei Sex-Industrie-Protagonistinnen wie Sasha angekommen wäre.
Fest steht: Der Pornografie-Diskurs ist mittlerweile auf allen Positionen fest in weiblicher Hand; geradezu vorbildlich hat sich hier die Frau vom Objekt zum Subjekt emanzipiert. Für die Männer hat dies den Effekt: Sie brauchen über Pornografie eigentlich nicht mehr zu reden. Männer schauen sich das alles an. Oder verdienen immer noch das meiste Geld damit.
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