Beruf und Familie

Kuschelfamilie, Karrierefrau?

Von Nina Toepfer am 06. März 2011 in Artikel

Was zählt, ist die Freiheit zum Entscheid: für Beruf, für Kinder – oder für beides. Doch alle debattieren darüber, welche Wahl die richtige sei.

Diskussionen um Karriere und Kinder: Sogenanntes Mischmodell.

Diskussionen um Karriere und Kinder: Sogenanntes Mischmodell.

Polemik ist zweifelfrei lustiger als langweilige Detaildebatten. So wie Autorin Bascha Mika in der Familie eine Art Rückzugsgebiet sieht, und wenn sich Frauen für Familien entscheiden und gegen Karrieren, erkennt sie  – so auch der Titel ihres Buchs  «Die Feigheit der Frauen».

Eine beliebte These derzeit: Es weht halt ein rauher Wind da draussen in der Arbeitswelt, also ziehen sich viele Frauen lieber ins Nest zurück. Politische Forderungen nach Arbeitsmodellen, die Beruf und Familie miteinander vereinbaren, sehen da aus wie vergebene Liebesmüh, wenn nicht gar scheinheiliges Gejammer: Viele Frauen wollen gar keine Karriere machen, sagt Bascha Mika. Natürlich fliegt der Autorin Zustimmung – und Kritik zu.

Eine Replik liefert zum Beispiel die «Weltwoche» in ihrer neusten Ausgabe. Ihre Autorin beschreibt, dass sie sich zwischen einer Karriere als Journalistin und der Kindererziehung vor allem für die Kinder entschieden habe. Das ist wunderbar, wer würde dagegen etwas einwenden. Mikas Feigheitsthese widerspricht die Autorin damit, dass sie betont, nicht unbedingt den lockereren Job gewählt zu haben. In dieser Wahrnehmung gehört es offenbar auch zum Muttersein, die Spätzli selber zu machen, statt Fertigmenüs zu wärmen (folglich rechtzeitig daheim zu sein). Ein mitleidiger Blick gilt Kindern, die ihre Nachmittage in einem Hort fristen müssen. Mit wieder anderen armen Kindern statt in der besten aller Gesellschaften daheim: So ist das wohl zu lesen.

Wie wunderlich auch immer: Das Anstrengende an solchen Diskussionen sind ihre programmatische Note und die Resistenz gegen Argumente.

Es gibt ja persönliche Empfindlichkeiten: Leute, die nicht ertragen, wenn Kinder schreien. Anderen löst der Geruch feuchter Wäsche Migräne aus. Nur: Was gibt es dazu zu sagen? Darüber hinaus dreht sich die Debatte der Gleichheit immer wieder zurück auf ihren Kern: auf die Wahl der Frauen.

Die Frage spiegelt sich in der Diskussion um eine staatlich verordnete Frauenquote – auch dazu gibt es unterhaltsame Beiträge. So kürzlich im «Spiegel», der die Quote wohl als irgendwie in der linken Ecke geborenen Mainstream ortet, ein «Wohlfühl-Thema» für die «politisch korrekte Latte-macchiato-Bourgeoisie», «irgendwie nett, Hauptsache, alles ist klimaneutral fair gehandelt, und wie man genau das Ziel erreicht, wird sich zeigen. Dann reichen wir uns die Hände und singen 'Kumbaya'».

Nach so viel Spott und erzählerischem Aufwand, um zu beschreiben, wie sehr eine Quote für viele auf der Hand liegt, kommen die – viel interessanteren – Argumente gegen die Quote zum Zug. Allein die Demografie zwinge die Arbeitswelt zum Umdenken, also auch dazu, Frauen zu fördern. Ausserdem werfe die Quote Fragen auf, die zu lösen noch anstehen. Etwa, wo sie denn überall gelten würde, nur in Vorständen oder ganzen Firmen, in jeder Branche oder nur in einigen, ob nicht mit Diskriminierung von Männern gerechnet werden müsse, ob sie denn für alle Staatsbürger gälte. Eine Quote «mogelt sich um die wahren Defizite herum», heisst es da.

Auch all dies führt schliesslich wieder zum Ausgangspunkt, dem «Unaussprechlichen»: Was, wenn viele Frauen gar nicht auf Karriere setzen wollen?

Die Wahl der Frauen: Studien belegen, dass nur etwa ein Viertel oder ein Fünftel der Frauen Führungsaufgaben übernehmen wollen. Eine ist zu Beispiel Signhild Arnegard Hansen, schwedische Unternehmerin, Aufsichtsratsmitglied in mehreren Firmen und Mutter von sechs Kindern, und sie blickt einigermassen zuversichtlich in die Zukunft. Sie sieht, wie sich zu gleichen Teilen besetzte Führungskräfte ganz ohne Quote einpendeln würden. Der entscheidende Generationenwechsel in den Chefetagen stehe bevor, sagt Hansen. «Wenn», fügt aber auch sie hinzu, «diese Frauen die Karriere wollen.»

Ein weiteres Fünftel der Frauen entscheidet sich für die Familie. Und im grossen Mittelfeld bewegen sich die Frauen, die Beruf und Familile zu vereinen versuchen, oft unter Stress, zwischen Businessresien, schlechtem Gewissen und – ja, auch das gibt's – ökonomischem Druck. Wie viel Wahl bleibt da zwischen Kuschelfamilie und Karriereleben? Nicht welches denn die richtige Wahl sei, zählt, sondern die Freiheit des Entscheids. Damit zählt auch wieder die eher alte und sicher unpolemische Frage, welches die besten Voraussetzungen dafür sind und wie wir sie schaffen.

Catherine Hakim, Forscherin an der London School of Economics, hat dieses Mittelfeld die «Mischmodelle» genannt, im Gegensatz zu den eindeutigen Karrierefrauen («Manager») und den Hausfrauen («Muttis»). Nun hat die Soziologin kürzlich mit «Feminist Myths and Magical Medicine» ein neues Paper veröffentlicht, dass unter anderem hergebrachte, immer wieder angeführte Meinungen zu weiblichen Rollen in Beruf und Familie als Mythen demaskiert.

Zu den zwölf «feministischen Mythen» zählt Hakim das derzeit als erfolgreich zitierte skandinavische Modell einer auf Gleichheit ausgerichteten Arbeitswelt (Norwegens oft und gerne angeführte Quote!). Sie stützt sich auf Studien und folgert, dass eine auf Gender-Gleichheit ausgerichtete Politik nicht zwingend Gender-Gleichheit bringt. In Sachen Lohngleichheit sieht sie Schweden und Norwegen fast gleichauf mit Italien, Österreich, Deutschland und Australien.

Desgleichen untersucht Hakim etwa die «Mythen»,

  • dass Gender-Gleichheit durch mehr berufstätige Frauen erreicht werden kann (im Gegenteil, sagt sie),
  • dass der Zugang zur höheren Bildung für Frauen alles verändert (Hakim: Frauen in Toppositionen demonstrieren, warum Frauenförderung irrelevant sein kann, indem sie auf eine Work-Life-Balance verzichten und Kinderbetreuung delegieren),
  • dass Männer und Frauen dieselben Ansichten in Bezug auf Karriere, Werte und Ziele haben (dabei forderten Berufseinstiger schon zu Beginn mehr Lohn als Einsteigerinnen; während Männer eher für eine Lohnerhöhung vorsprächen, fragten Frauen eher um mehr Freizeit und anderen nicht-finanziellen Nutzen wie Weiterbildung).
  • Den «Mythos» finanzielle Unabhängigkeit der Frauen entlarvt Hakim mit dem Hinweis, dass immer noch viele europäische Frauen «nach oben» heiraten. 
  • Und dem beliebten «Mythos» des kooperativeren Führungsstils der Frauen setzt sie Studien gegenüber, die keinen Unterschied in der Hinsicht feststellen konnten (weibliche Manager unterscheiden sich von männlichen in Sachen Persönlichkeit und Familienleben, aber nicht darin, wie sie den Job machen, schreibt sie).

Glückliche Kindheit mit Selbstgekochtem? Karriereglück dank gerechterer Politik? Bei all den Behauptungen, woher sie auch immer kommen, von rechts oder von links, kann etwas freie Sicht nicht schaden. Soviel scheint das Beispiel Norwegen uns zu zeigen: Das Beste an der Quote ist die Diskussion darüber. Wenn sie sich denn nicht damit begnügt, einen einzigen richtigen Weg zu proklamieren. 

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