Stillen Politik

Linke Brüste, rechte Brüste

Von Ralph Pöhner am 20. Februar 2011 in Artikel - 2 Kommentare

Michelle Obama versus Sarah Palin: Ums Stillen tobt in den USA ein Ideologiestreit auf höchster Stufe. Kein Witz.

«Steigende Milchpreise»: Sarah Palin, Michelle Obama

«Steigende Milchpreise»: Sarah Palin, Michelle Obama

Stillen oder nicht stillen? Und wenn ja, wie lange? Dass dies eine weltanschauliche Frage ist, haben wir längst begriffen. Dass die Frage sogar etwas Brisanz enthält – warum auch immer –, ist inzwischen auch allen klar. Aber dass sich daraus ein ausgemachter Ideologiestreit drehen lässt, ja sogar ein Wahlkampfthema, das sehen wir jetzt erst.

Stillen – und wie lange? Das Thema führte in den letzten Tagen zu einer Konfrontation zwischen Michelle Obama, der First Lady, sowie Sarah Palin und Michelle Bachmann, den First Ladies der Tea-Party-Bewegung.

Michelle Obama hatte sich in der Vergangenheit schon mehrfach dafür eingesetzt, das Stillen zu fördern. Zuletzt geschah dies in der vergangenen Woche, als sie in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten bemerkte, dass «Kinder, die länger gestillt werden, seltener eine Neigung zum Übergewicht entwickeln.» So weit, so wissenschaftlich belegt.

Aber fast zeitgleich beschloss die oberste Steuerbehörde in Washington, der IRS, dass Milchpumpen künftig steuerlich abgezogen werden können – was von Michelle Obama wiederum rhetorisch unterstützt wurde. Damit erkannten die Republikaner endgültig ein Thema: Deren Abgeordnete Michelle Bachmann befand, die Regierung Obama wolle doch buchstäblich denn «Nanny State» einführen – es sei gewiss nicht Sache des Staates, via Steuerpolitik ins Familienleben einzugreifen. Und Sarah Palin machte sich gestern in einer Rede auf Long Island über Michelle Obamas Enagement lustig: Die Präsidentengattin wolle dem Volk wohl eine Kompensation für die steigenden Milchpreise anbieten.

Und so hat Amerika ein neues Thema: die Breastfeeding Controversy (hier eine Auswahl des inzwischen publizierten Materials). Denn mithilfe der stillenden Brust lassen sich gleich mehrere weltanschauliche Positionen beziehen:

  • Einerseits äussern wir damit viel übers ideale Verhältnis von Staat und Familie.
  • Andererseits wird hier der legendäre Grundsatzstreits um die Krankenversicherung ein weiteres Mal abgehandelt (wenngleich in einem Nebenaspekt).
  • Drittens geht es auch um Rollenmuster: Soll die Mutter möglichst bald wieder zurück an den Arbeitsplatz (wobei die Pumpe doch hilfreich wäre)?
  • Und ganz nebenbei, so bemerkte die «Washington Post», werde hier geprüft, wie sich Michelle Obama als direkte Zielscheibe verwenden liesse – ein Test für den Wahlkampf 2012.

Das Problem ist nur: Ist das Stillen wirklich eine politische Frage? Bis letzte Woche war es das – trotz allem – auch in den USA nicht. Noch nicht.

Klar wurde jedenfalls, dass im Streit auch feste Vorstellungen von guten (zu Hause stillenden) und nicht ganz so guten (abpumpenden) Müttern mitschwingen. «Ich habe fünf Kinder aufgezogen», sagte Michelle Bachmann zu ihrer Intervention, «und ich habe jedes einzelne selber gestillt.»

Das Muster erinnert denn auch fatal an die Ideologiekämpfe, die in der Schweiz jeweils um die Krippen-Frage toben: Wie sehr soll sich der Staat um Erziehungsthemen kümmern? Soll man mit Steuergeldern den Frauen den Weg zurück ins Berufsleben erleichtern? Was ist staatliche Aufgabe, was Privatsache? Tatsächlich hätten wir in der Schweiz ebenfalls die Voraussetzung, das Thema politisch aufzuladen: Denn bekanntlich finanzieren beteiligen sich hier die Krankenkassen an den Kosten für die Miete von Brustpumpen.

Vielleicht also müsste uns der Streit zwischen den amerikanischen Ladies – und vor allem die grosse Resonanz, die er jetzt gerade findet – ein bisschen zu denken geben: Was, wenn die SVP den Braten wittert?

Dann aber stille Nacht.

→ Zur Darstellung auf «Fox News» (Tea-Party-freundlich) und auf MSNBC (Obama-freundlich).

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