Es war einmal vor Facebooks Geburt. Bevor die Menschen begannen dieses Medium als die neue Wahrheit anzubeten, noch bevor sie sich mehrmals täglich zum heiligen Ritual vor den Computer setzten, noch bevor die Community sich in die schicksalhafte Fügung unserer Dates eingemischt hatte. Eine Zeit der offenen Fragen an die Menschen mit mystischen Antworten über sie.
Eine meiner Erinnerungen an diese Zeit gilt einem Jungen. Ich traf ihn an fast jeder Sportveranstaltung; wir haben uns angeschaut, immer wieder und uns wieder getrennt, ohne ein Wort, monatelang. Bis dann eine Freundin von mir einer Freundin von ihm für ihn meine Telefonnummer zugesteckt hatte – der Festnetzanschluss der Eltern. Dann beschäftigten mich etliche Fragen den ganzen Tag lang: Wird er anrufen? Wenn ja, wann? Und was soll ich dann sagen? Was wird er sagen? Und vor allem: Was sage ich meinen Eltern?? Die Zeit, die verstrich, bis er endlich anrief, war ein kleines Abenteuer.
Klar, damals war ich noch jung. Die Welt war noch ein Märchen und hinter jedem Tag verbarg sich eine neue Entdeckungsreise. Dennoch hat sicher nicht nur das Älterwerden, sondern auch der postmoderne Facebook-Glaube uns zahlreiche potentielle Entdeckungsgeschichten geraubt.
Denn heute läuft das anders: Man trifft sich, unterhält sich und trennt sich mit der Frage: «Hast du Facebook?» Kein Warten, kein Kitzel, kein Abenteuer, am nächsten Tag nur eine kleine rote Sprechblase oben links im Profil und die ganze Zauberei ist schon vorbei. Ein Profilcheck gibt Antworten auf erste Fragen, Fotosharing ersetzt die ersten Blicke, Infosite und Like-Buttons geben Auskunft über Lifesyle und Lovestyle – das erste Date hat sich gleichsam erübrigt.
Ich bin keine Romantikerin. Aber neugierig und abenteuerlustig. Das moderne Facebook-Dating ist das definitiv nicht. Als die Menschen an die Welt noch offene Fragen hatten und daher glaubten, der Regenbogen sei das Tor zu einer anderen Welt, war dies wohl ebenso erlebnisreich, wie als Menschen an Menschen noch Fragen hatten, auf die Facebook ihnen keine Antworten gab. Das Tor zur anderen Welt wurde ein optisches Konstrukt und nun wurde auch das Wunder des Vertrauens zur Pinnwandkontrolle. Niemand verlangt im Leben eine mystische Hollywood-Romantik, aber wenigstens etwas Kitzel und ein wenig Abenteuer, ehe das Facebook-Profil gecheckt, das Urteil gemacht und die Mystik geraubt wurde.
Frauen könnten nicht mehr flirten, stand vor einiger Zeit auf Clack unter dem Titel «Hä?! Wie Frauen heute flirten». Nun, ich würde sagen, Männer sind darin kaum besser. Wenn die Frage: «Hast du Facebook?» heute das Einzige ist, das Männer für den ersten Kontakt noch in Reserve haben, bin ich allen Frauen dankbar, die an der abenteuerlichen Welt festhalten und dieser Frage mit einem grossen stirnrunzelnden «Hää?!» begegnen.
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